Ein Pferd war ein Pferd – ein Reiter war ein Reiter

Ein totes Pferd reiten

Früher war das ein ziemlich unsinniges Unterfangen. Ein Pferd war ein Pferd, ein Reiter war ein Reiter, und wenn einer von beiden tot war, dann funktionierte auch das mit dem Reiten nicht mehr.

Früher war auch eine sozialdemokratische Partei eine sozialdemokratische Partei, ein Parteivorsitzender war ein Parteivorsitzender, und wenn es auf die Wahlen zuging, schwang sich der Parteivorsitzende in den Sattel und versuchte die Partei fehlerfrei über den Parcours zu bringen.

Seitdem hat sich viel verändert. Es gibt zwei Welten. Eine Welt der Realität, in der zwar auch nichts mehr ist, wie früher, aber wenigstens real, und eine virtuelle Welt, in der alles so aussieht, wie es aussehen soll, nur eben nicht real.

Die reale Welt ist in unserem Wacherleben auf dem Rückzug. Für viele endet die Wahrnehmung der realen Welt spätestens mit der Arbeitsaufnahme und dem ersten Blick auf einen Bildschirm oder sonst ein Display, kehrt in der Mittagspause kurz zurück, verschwindet wieder bis zum späten Nachmittag und wird von der virtuellen Welt vom Einschalten der Abendnachrichten bis zum Einschlafen wieder vollständig verdrängt.

Die reale Welt umfasst unsere Wohnung, das Innere unseres Autos, den Arbeitsplatz. Hinzukommen, je nach Veranlagung, die Stammkneipe, das Fitness-Studio, der Frisör, die Tankstelle, der Supermarkt, der Bankautomat, vielleicht auch noch drei Wochen in einer eigens für Urlauber gestalteten Freilicht-Theaterkulisse unter südlicher Sonne.

Die virtuelle Welt ist größer, schöner, bunter – und vor allem, sie ist ohne jede Anstrengung zu erreichen.

So wundert es auch niemanden, wenn ein Pferd, das in der Realität schon lange tot ist, als unsterbliches virtuelles Pferd auf den Bildschirmen herumtollt, und es wundert niemanden, wenn eine Partei, die schon lange auf dem Sterbebett liegt, plötzlich putzmunter auf der Mattscheibe erscheint und „wählt mich, wählt mich!“ ruft.

Eine Partei, die mit einem Schlag den Sozialstaat und sich selbst ruiniert hat, die ein Schattendasein an der Seite der Union ihrer möglichen Wiederauferstehung im Verein mit Linken und Grünen vorgezogen hat, obwohl die Dreier-Koalition die Mehrheit hatte und immer noch hat, bietet sich in der virtuellen Welt schon wieder als die Partei der sozialen Gerechtigkeit an und lässt sich dabei von einem schon vor vielen Jahren in Richtung Brüssel wirksam entsorgt geglaubten Kandidaten anführen, der die Agenda-Politik nach wie vor für gut und richtig hält, aber bekennt: „Wir haben auch Fehler gemacht – und es ist keine Schande, dies zu erkennen und zu korrigieren.“

Ein Witzbold! Diese Partei, die eigentlich schon 1982 an ihrer eigenen Mutlosigkeit gescheitert war, hat sich 1998 als trojanisches Pferd in die Herzen der Arbeitnehmer und Rentner, der Hausfrauen und Studenten hineingestohlen und einen sozialen Kahlschlag sondersgleichen ausgelöst, unter dem nicht nur die gezählten und nicht gezählten Arbeitslosen, die Billig-Jobber und Teilzeitkräfte, die Rentenformel-Betrogenen in Deutschland leiden, sondern halb Europa noch dazu, weil die deutsche Billligkonkurrenz die im Euro aneinandergeketteten Volkswirtschaften von Griechenland bis Spanien an den Rand des Ruins getrieben hat. Und nun soll es soziale Gerechtigkeit sein, wenn nach 15 Jahren Unrecht ein paar wenige, geringfügige Korrekturen schemenhaft öffentlich erwogen werden? ( … )

Antworten und Quelle: Egon W. Kreutzer

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