Nachhilfeunterricht – reiche Kinder, arme Kinder


Nachhilfe: Kinder aus wohlhabenden Familien deutlich überrepräsentiert.

Mit kommerzieller Nachhilfe werden in Deutschland Milliarden umgesetzt. Statt im Bildungssystem verursachte soziale Ungleichheiten zu verringern, verstärken die außerschulischen Förderstunden sie eher. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Überblicksstudie.

Mit der Verbreitung öffentlicher Schulen in der Neuzeit wurden Privatlehrer zum kuriosen Randphänomen. Seit einiger Zeit erlebt der Privatunterricht abseits staatlicher Aufsicht allerdings ein Comeback: in Form von Nachhilfestunden, zuletzt befeuert durch den sogenannten Pisa-Schock. Obwohl der Schulerfolg in Deutschland besonders stark mit der sozialen Herkunft korreliert, bekommen Kinder höherer Schichten die meiste Nachhilfe – deren Angehörige häufig von Abstiegsängsten geplagt sind, die sie auf ihren Nachwuchs projizieren. Das zeigt die Untersuchung der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Birkelbach und Prof. Dr. Rolf Dobischat von der Universität Duisburg-Essen sowie Birte Dobischat. Die Wissenschaftler haben eine Vielzahl von Forschungsstudien ausgewertet und zudem Nachhilfeinstitute befragt. Diese zwischen März 2012 und Juli 2013 von einem Forscherteam der Universität Duisburg-Essen durchgeführte Befragung, an der sich fast 400 Nachhilfeinstitute beteiligten, ist die erste ihrer Art. Sie ist nicht repräsentativ, liefert aber wichtige Orientierungsdaten.

Wie viele Kinder gehen zu kommerziellen Instituten wie Studienkreis oder Kumon oder zur Abiturientin aus der Nachbarschaft, weil sie sich mit Hausaufgaben und Klausuren schwertun oder die Eltern nicht mit den Noten zufrieden sind? Eine offizielle Nachhilfestatistik gibt es nicht. Sicher ist dennoch: Seit den 1970er-Jahren hat die Zahl zugenommen. Je nach Studie und Art der Abgrenzung schwanken die aktuellen Angaben zwischen 6 und 27 Prozent aller Schüler. Bei den Fünfzehnjährigen – in dieser Altersklasse ist Nachhilfe besonders häufig – nehmen einer neueren Untersuchung zufolge 29 Prozent private Förderstunden in Anspruch. Bei Schulanfängern ist Nachhilfe normalerweise noch kein Thema, doch bereits von den Achtjährigen bekommen 6 Prozent zusätzliche Stunden.

Nach Schätzungen wird jedes Jahr mehr als eine Milliarde Euro für Nachhilfestunden ausgegeben. Die Gründe für das Wachstum des Nachhilfemarktes sehen die Bildungsforscher in zunehmender Unzufriedenheit der Eltern mit dem öffentlichen Schulsystem, gestiegenem Leistungsdruck, einem verschärften Wettbewerb um aussichtsreiche Bildungswege und in der Folge einem gestiegenen Ehrgeiz der Eltern. Letzteren geht es weniger um die Lerninhalte als um gute Zeugnisse, so die Studie. Es sind auch längst nicht mehr nur die Versetzungsgefährdeten, die zur Nachhilfe angemeldet werden, sondern immer häufiger Dreier-Kandidaten. Eingebettet sei diese Entwicklung in einen allgemeinen Trend zu „Kommerzialisierung und Privatisierung an den Rändern der Bildungslandschaft“.

Abhängig von Ehrgeiz und Geldbeutel der Eltern

Bezahlte Nachhilfestunden nehmen 13 Prozent der Kinder aus armen Elternhäusern, die weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. In der Mittelschicht sind es um die 20 Prozent. Bei Familien, die mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens verdienen, kümmert sich um knapp jedes dritte Kind ein Nachhilfelehrer. Mit diesen Befunden aus der AID:A-Befragung des Deutschen Jugendinstituts bestätige sich die bereits aus früheren Studien abgeleitete These, „dass kommerzielle Nachhilfe soziale Ungleichheiten tendenziell verstärkt“, so Birkelbach und Rolf und Birte Dobischat.

Ihre Befragung von Nachhilfeinstituten unterstreicht das. Die meisten Schüler – 62 Prozent – stammen nach Einschätzung der Anbieter aus der „mittleren Mittelschicht“. 26 Prozent gehören der „oberen Mittelschicht“, 2 Prozent der Oberschicht an. Die beiden höchsten Statusgruppen seien damit „deutlich überrepräsentiert“, so die Forscher, „während Kinder aus unterer Mittel- (9 Prozent) und Unterschicht (1 Prozent) „etwa im gleichen Ausmaß unterrepräsentiert sind.“ Die Möglichkeit zur Lernförderung nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz für einkommensschwache Familien habe an der sozialen Selektivität des Nachhilfesystems offenbar nicht viel geändert. Eine Gruppe, die bei der Nachhilfe besonders deutlich zu kurz komme, seien zudem die Migranten. Das Geschlecht der Kinder und die Bildungsabschlüsse der Eltern haben den verschiedenen Analysen zufolge hingegen keinen merklichen Einfluss auf die Nachhilfewahrscheinlichkeit.

Um die unbefriedigenden sozialen Konsequenzen der „Parallelwelt Nachhilfe“ zu korrigieren, empfehlen die Bildungsexperten, „das Nachhilfegeschehen in Deutschland, insbesondere das Geschäftsfeld der kommerziellen Nachhilfe, in formalisierte Verfahren der öffentlich verantworteten Genehmigung, Kontrolle und Qualitätssicherung mit einem verbindlichen Modus in der Anwendung von Prüfkriterien einzubinden“. Das „originär öffentliche Gut Bildung“ müsse „aus der privatwirtschaftlichen Umklammerung“ gelöst werden – damit Unterstützung für eine erfolgreiche Schullaufbahn nicht in erster Linie von Ehrgeiz und Geldbeutel der Eltern abhänge.

Quelle: Presse Hans-Böckler-Stiftung

Anmerkung Sozialticker – hey, nicht den Gruß von Uschi vergessen … sie meinte damals sinngemäß – dass 10 Euro wohl ausreichen sollten, für ne Bildung von des Hartz-IV-lers Pöbels Brut.

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