Frau zu Mann und trotzdem Mutter


Frau zu Mann Transsexueller gilt rechtlich als Mutter eines von ihm geborenen Kindes.

Der unter anderem für das Familienrecht zuständige XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat entschieden, dass ein Frau-zu-Mann-Transsexueller, der nach der rechtskräftigen gerichtlichen Entscheidung über die Änderung seiner Geschlechtszugehörigkeit ein Kind geboren hat, im Rechtssinne als Mutter des Kindes anzusehen ist.

Sachverhalt:

Der Beteiligte zu 1 ist transsexuell. Er wurde im Jahr 1982 als Kind weiblichen Geschlechts geboren; ihm wurden die weiblichen Vornamen „B.D.“ erteilt. Im November 2008 schloss der Beteiligte zu 1 die Ehe mit einem Mann. Im Jahr 2010 wurden die Vornamen des Beteiligten zu 1 durch gerichtliche Entscheidung in die männlichen Vornamen „O.G.“ geändert. Im April 2011 wurde durch eine weitere gerichtliche Entscheidung festgestellt, dass der Beteiligte zu 1 als dem männlichen Geschlecht zugehörig anzusehen ist. Die Ehe des Beteiligten zu 1 wurde im Februar 2013 rechtskräftig geschieden. Im März 2013 gebar der Beteiligte zu 1 das betroffene Kind. Er hat hierzu vorgebracht, nach Zuerkennung des männlichen Geschlechts die Hormone abgesetzt zu haben und wieder fruchtbar geworden zu sein. Das Kind sei durch eine Samenspende – Bechermethode entstanden; mit dem Samenspender sei vereinbart worden, dass dieser nicht rechtlicher Vater des Kindes werde.

Verfahrensverlauf:

Das Standesamt hat das Amtsgericht um Entscheidung gebeten, wie die Geburt des Kindes im Geburtenregister zu beurkunden sei. Das Amtsgericht hat das Standesamt angewiesen, den Beteiligten zu 1 als „Mutter“ in das Geburtenregister einzutragen, und zwar mit seinen früher geführten weiblichen Vornamen „B.D.“ Die dagegen gerichtete Beschwerde des Beteiligten zu 1 hat das Kammergericht zurückgewiesen. Mit ihren Rechtsbeschwerden möchten der Beteiligte zu 1 und das von ihm vertretene Kind erreichen, dass der Beteiligte zu 1 als „Vater“ des Kindes mit seinen aktuell geführten männlichen Vornamen „O.G.“ in das Geburtenregister eingetragen wird.

Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs:

Der Bundesgerichtshof hat die Entscheidung des Kammergerichts bestätigt.

Zwar richten sich die vom Geschlecht abhängigen Rechte und Pflichten ab Rechtskraft der Entscheidung, dass ein Transsexueller als dem anderen Geschlecht zugehörig anzusehen ist, gemäß § 10 Abs. 1 TSG* nach dem neuen Geschlecht, wenn durch Gesetz nichts anderes bestimmt ist. Nach § 11 Satz 1 TSG** lässt eine solche Entscheidung das Rechtsverhältnis zwischen ihm und seinen Kindern allerdings unberührt. Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass die Vorschrift des § 11 Satz 1 TSG auch für solche leiblichen Kinder eines Transsexuellen gilt, die erst nach der Entscheidung über die Änderung der elterlichen Geschlechtszugehörigkeit geboren worden sind. Durch die Regelung wird gewährleistet, dass der biologisch durch Geburt oder Zeugung festgelegte rechtliche Status als Mutter oder Vater des Kindes gesichert und einer Veränderung nicht zugänglich ist.

Die gesetzliche Regelung ist auch nicht verfassungswidrig, insbesondere werden die Persönlichkeitsrechte des transsexuellen Elternteils nicht dadurch verletzt, dass ihm das Abstammungsrecht eine rechtliche Elternrolle zuweist, die seinem selbstempfundenen und rechtlich zugewiesenen Geschlecht nicht entspricht. Wie das Bundesverfassungsgericht bereits ausgesprochen hat, ist es ein berechtigtes Anliegen des Gesetzgebers, Kinder ihren biologischen Eltern auch rechtlich so zuzuweisen, dass ihre Abstammung nicht im Widerspruch zu den biologischen Tatsachen auf zwei rechtliche Mütter oder Väter zurückgeführt wird. Eine davon abweichende Eltern-Kind-Zuordnung hätte weitreichende Folgen für die Rechtsordnung. Mutterschaft (§ 1591 BGB***) und Vaterschaft (§ 1592 BGB****) sind als rechtliche Kategorien nicht beliebig untereinander austauschbar, weil sie sich sowohl hinsichtlich der Voraussetzungen ihrer Begründung als auch hinsichtlich der daran anknüpfenden Rechtsfolgen – beispielsweise bezüglich des Sorgerechts unverheirateter Eltern – voneinander unterscheiden. Die Zuordnung zum Kind kann für einen gebärenden Frau-zu-Mann-Transsexuellen systemgerecht nur auf eine Mutterschaft zurückgeführt werden, weil er das Kind geboren hat. Auch das verfassungsrechtlich geschützte Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung wäre betroffen, wenn das Abstammungsrecht und die darauf beruhenden Eintragungen in die Geburtenregister nicht zutreffend klarstellen würden, auf welche Fortpflanzungsfunktion (Geburt oder Zeugung) es die konkrete Eltern-Kind-Zuordnung zurückführt.

Dass die Eintragung als „Mutter“ in das Geburtenregister darüber hinaus mit den früher geführten weiblichen Vornamen vorzunehmen ist, ergibt sich aus § 5 Abs. 3 TSG*****. Sowohl das Geburtenregister als auch die aus dem Geburtenregister erstellten Geburtsurkunden sollen von Hinweisen auf die Transsexualität eines Elternteils freigehalten werden. Damit verfolgt der Gesetzgeber den legitimen Zweck, es den Kindern später zu ermöglichen, ihre Herkunft mit Geburtenregistereinträgen und Geburtsurkunden nachweisen zu können, deren Inhalt einem Dritten keinen Anlass zu Spekulationen über die Transsexualität seiner Eltern bietet.

Vorinstanzen:

AG Schöneberg – Beschluss vom 13. Dezember 2013 – 71 III 254/13

Kammergericht Berlin – Beschluss vom 30. Oktober 2014 – 1 W 48/14

* § 10 TSG Wirkungen der Entscheidung

(1) Von der Rechtskraft der Entscheidung an, daß der Antragsteller als dem anderen Geschlecht zugehörig anzusehen ist, richten sich seine vom Geschlecht abhängigen Rechte und Pflichten nach dem neuen Geschlecht, soweit durch Gesetz nichts anderes bestimmt ist. …

** § 11 TSG Eltern-Kind-Verhältnis

1Die Entscheidung, dass der Antragsteller als dem anderen Geschlecht zugehörig anzusehen ist, lässt das Rechtsverhältnis zwischen dem Antragsteller und seinen Eltern sowie zwischen dem Antragsteller und seinen Kindern unberührt, bei angenommenen Kindern jedoch nur, soweit diese vor Rechtskraft der Entscheidung als Kind angenommen worden sind. …

*** § 1591 BGB Mutterschaft

Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat.

**** § 1592 BGB Vaterschaft

Vater eines Kindes ist der Mann,

1. der zum Zeitpunkt der Geburt mit der Mutter des Kindes verheiratet ist,

2. der die Vaterschaft anerkannt hat oder

3. dessen Vaterschaft nach § 1600d oder § 182 Abs. 1 des Gesetzes über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit gerichtlich festgestellt ist.

***** § 5 TSG Offenbarungsverbot

(3) In dem Geburtseintrag eines leiblichen Kindes des Antragstellers oder eines Kindes, das der Antragsteller vor der Rechtskraft der Entscheidung nach § 1 angenommen hat, sind bei dem Antragsteller die Vornamen anzugeben, die vor der Rechtskraft der Entscheidung nach § 1 maßgebend waren.

Quelle: Pressestelle des Bundesgerichtshofs – Beschluss vom 6. September 2017 – XII ZB 660/14

25. September 2017

3 Kommentare

  1. Willi Freundlich (Pseudonym)

    26. September 2017 um 13:32

    Die Beziehungen der Menschen untereinander haben hierzulande geschlechtsspezifische Minderheiten in den Fokus rücken lassen. Dazu gehören neben den Heteros, Homos und Lesben nun einmal mehr die Transsexuellen und Transgender. Sie alle nehmen für sich das natürliche Menschenrecht in Anspruch, gleichwertig in der Gemeinschaft anerkannt zu werden. So weit , so gut.

    Diesem Faktum ist die Rechtsprechung letztlich gefolgt und eine andere Entscheidung wäre gänzlich unverständlich und nicht nachvollziehbar gewesen.

    Wie aber verhält es sich, wenn die geschlechtlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau im Verlauf der kultuerellen Entwicklung gänzlich verwischen? Ist es nicht schade, wenn das typische kraftvoll Männliche und das typisch anmutig Weibliche immer mehr verschwinden und sich nivellieren? Man denke nur mal an Bodybuilding beider Geschlechter oder gar an Frauen-Boxen. Bei mancherlei Sportarten sind die weiblichen Brüste eigentlich nur hinderlich…

    Und wie verhält es sich bei der kulturellen Entwicklung in unserer Gesellschaft? Geht der Trend eventuell dahin, die geschlechtsspezifischen Eigenheiten eher zu unterdrücken als sie hervor zu heben?

    Fraglich wird es meiner Meinung dann, wenn die medizinische Technik es ermöglichen würde, so genannten Disigner-Babies zu synthetisieren, also richtige „Wunschbabies“ zu erzeugen – bei gleichzeitiger Steigerung der geschlechtlichen Vielfalt.

    Die letzte Stufe einer solchen evolutionären „Fortentwicklung“ wäre wohl die Erzeugung bisexueller Babies, also Kinder beiderlei Geschlechts. Man könnte dann je nach Bedarf die eine oder andere Geschlechtlichkeit bedienen. Das grundsätzliche Problem zwischen Mann und Frau wäre dann ein für alle Male erledigt. Wünschen wir uns das?

    • @Willi

      Rasierst du dich? Kämmst du dich? Warum? Lass doch der Natur dort auch den freien Lauf, welchen du anderen Personen absprechen möchtest!

      Der Glaube, das Geschlecht wird bestimmt, nachdem man jemanden zwischen die Beine geschaut hat, ist so altbacken wie die Natur an sich.

      Beim Menschen ist aber das Teil zwischen den Ohren noch mitverantwortlich und nicht nur einzig das Organ der Fortpflanzung.

      Mag sein, dass es für dich schwer ist zu verstehen, aber nicht alle finden sich so „geil“ im morgendlichen Spiegel. Ich kann dir 100 Beispiele zeigen, wo die Natur nicht mit dem Ausweiseintrag übereinstimmt, aber dazu müsste man sich der Natur auch stellen wollen und nicht solche hohlen Phrasen verschnattern.

      Deine Frage zum Wunsch. Jepp, genau so etwas wird gewünscht, oft nicht nur in Thailand gesucht und in Deutschland dazu beitragend, die Welt im bunten Miteinander zu gestalten.

      In deinem Text fehlte eigentlich nur noch, dass Personen mit Brust grundsätzlich an den Herd gehören und die Kette nur bis zur Haustür reichen dürfte und wenn du dich (ich hoffe mal nicht mit solcher Einstellung) fortpflanzen möchtest, dann such dir doch dein geschlechtliches Gegenstück zum eigenen Geschlecht, aber urteile nie über Dinge, von denen du anscheint weniger als null Ahnung hast.

  2. Willi Freundlich (Pseudonym)

    27. September 2017 um 15:04

    In einem sollten sich Mann und Frau nun wirklich nicht mehr unterscheiden, und zwar in einem guten Herzen und einem menschenwürdigen Verstand. Darum sollten auch Sie sich, liebe Karin, bemühen. Übrigens, Am Herd stehe ich, nicht die Freundin.

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